Gedanken des Monats Juli 2010 - “Das Experiment – die ersten Schritte” Ich habe mich zunächst längere Zeit mit meinem schwarzen Chador und schwarzen Handschuhen (aus der Verkleidungskiste meiner Söhne geliehen) zu Hause beschäftigt…ihn anprobiert, richtig anziehen gelernt (und das ist gar nicht so einfach wie ich zunächst dachte)…damit gehen geübt, nachdem Andreas (der beste Ehemann) ihn noch mit der Nähmaschine gekürzt hat…lange bin ich vor dem Spiegel gestanden und ich fand Gefallen an der Kleidung, vor allem deswegen, weil mein Blick sich veränderte, wenn ich mich im Spiegel betrachtete; alles Körperliche rückte in den Hintergrund; es war mir einfach möglich mich in einem anderen Kontext wahrzunehmen…mein Blick ging schneller ins Innere, nicht mehr von Äußerlichkeiten abgelenkt und ich fand dass ich eine menschliche Statue darstellte; der einzige Zugang zu meinem „Ich“ waren jetzt nur mehr meine Augen… …eines schönen Morgens war es dann endlich soweit…der erste Ausgang in die Öffentlichkeit stand bevor…alles war geplant; der erste Ausflug sollte mich in ein Einkaufszentrum führen…ein Ort, an dem es leicht möglich war sich unbemerkt umzuziehen, von der Witterung unabhängig, mit einer guten Möglichkeit Reaktionen von Menschen wahrzunehmen…in der Toilette des Einkaufszentrums beobachtete ich dass niemand in den Kabinen neben mir war und dann zog ich mich dort um; auch das Anziehen ohne Spiegel hatte ich zu Hause geübt…warum ich mich eigentlich erst dort verwandelt habe ? weil mir das Autofahren mit der Vollverschleierung für den ersten Ausflug zu unsicher erschien… …und dann war es soweit…ich ging los, langsam, um nicht auf die bodenlange Kleidung zu steigen, jeden Schritt achtsam setzend…aufrecht, weil ich in dem Chador sofort eine sehr aufrechte Haltung einnehme und den Blick nach Vorne gerichtet…ich beobachtete mich in allen möglichen Schaufenstern, schaute keinem Mann in die Augen und vermied sowieso jeden längeren Augenkontakt… ich fühlte mich stolz und erhaben, mächtig und klar, bewusst, sicher und für manche Augenblicke wie eine wunderschöne Prinzessin, die alle Blicke auf sich zieht, unnahbar und geheimnisvoll - und das war schon ein Gefühl der besonderen Art… andererseits war mir natürlich schnell bewusst dass ich eher die Terroristin als die Prinzessin darstellte und deshalb engte die Verschleierung auch extrem ein…ich fühlte mich auch unter Druck, im wahrsten Sinn unterdrückt, spürte was es bedeutet „anders“ zu sein, unangenehm aufzufallen, ein Extrem darzustellen, das wenig Verständnis bei den Menschen hervorruft… die ersten paar Minuten musste ich mich immer wieder an das Atmen erinnern; kurzzeitig hielt ich sogar den Atem an und das schwächte mich… …ich pendelte zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Größe und Unterdrückung, zwischen dem durchaus positiven Gefühl aufzufallen und dem Wunsch mich anzupassen, einer von „den Anderen“ zu sein… als Energetikerin habe ich natürlich geschärfte Sinne und beobachtete aufmerksam wie die Reaktion der Menschen auf mein Auftreten war…es war alles dabei, von Ablehnung, Unverständnis, Neugierde, bis hin zu Hass…bis hin zu einer sehr aufmerksamen, freundlichen Schuhverkäuferin und einer etwas ängstlichen, aber sehr höflichen Dame an der Kasse eines Textilgeschäftes…ihre Stimme brach und sie hüstelte, nachdem ich ihren Gruß („grüß Gott“) mit einem klaren „Guten Tag“ erwiderte…ich spürte ihren Respekt, der etwas zur Hälfte aus Angst bestand… und eines war wirklich immer wieder sehr deutlich zu spüren - Hass…ich war gelegentlich von extremen Hassgefühlen umgeben; zwei Menschen schüttelten absichtlich den Kopf über mich, sodass ich es sehen konnte; der „Herrgott“ wurde zweimal um Hilfe angerufen – von älteren Damen…eine davon meinte, als ich an ihnen vorbei ging, laut zu ihrer Begleiterin :“Herrgott hilf !…dass hier jeder einkaufen darf !!??!!“… ich fragte mich zwischendurch und auch beim Heimfahren noch ob den Menschen beim Anblick einer Vollverschleierten der 11. September in den Sinn kommt ?...kommt da eine allgemeine Terrorangst durch, oder ist es „nur“ die Tatsache dass ich anders bin ?...bei Frauen ist es vielleicht Mitleid mit der vermeintlich unterdrückten Frau, die sich verstecken muss weil es ihre Religion oder die Männer so wollen ?... …vielleicht haben sie Interesse darüber nachzudenken, was bei ihnen eine vollverschleierte Gestalt auslöst ? welche unserer Werte werden da in Frage gestellt, welche Urteile fällen wir – und zu unrecht ?...was können wir daraus über uns lernen und weckt eine derartige Erfahrung unser Interesse an anderen Kulturen, Religionen, am Für und Wider von Schleiern, Kopftüchern oder ähnlichen Kleidungstücken ?... abschließend möchte ich auch erwähnen dass jeder Schritt mit dem Chador zunächst eine völlig neue Erfahrung ist…zum Beispiel damit mit einer Rolltreppe zu fahren, zu bezahlen; schwierig - abgesehen von den Handschuhen, die rutschig sind – wenn ich nach unten sah, schaffte ich es kaum in meine Geldtasche zu blicken, weil der Stoff den Blick versperrte; eine Tasche in der Hand zu halten war auch ungewohnt für mich -umhängen kam nicht in Frage…und ich schwitzte extrem; da stellte ich mir die Frage ob das an dem Stoff liegt oder ob Muslime sich daran einfach gewöhnen ?.. …gesamt war es aber eine absolut geniale Erfahrung, die meinen Horizont extrem erweitert hat… im Mittelpunkt zu stehen und dabei irgendwie unsichtbar zu sein, nichts wirklich von sich preiszugeben, von den Menschen nicht nach dem körperlichen Äußeren beurteilt werden zu können und in meinem Fall das Täuschen – all das hat eine Faszination auf mich…außerdem ist es ein interessantes Gefühl über einen gewissen Zeitraum in eine Rolle zu schlüpfen; mir ging es so dass ich nach einer gewissen Zeit mein altes Ich etwas beiseite legte und mich auf das neue „Ich-Gefühl“ einzulassen; dazu brauche ich allerdings mit Sicherheit weitere „Ausgänge“ um dieses neue Ich zu erforschen… und darauf  bin ich neugierig…weitere Erlebnisberichte folgen…ich freue mich auch über Anregungen jeder Art… und ich freue mich wenn ich sie inspirieren kann über das eine oder andere aufgetauchte Fragezeichen in ihrem Kopf oder Gefühl nachzudenken, nachzuspüren - und vielleicht trägt mein Experiment dazu bei, die eine oder andere (vielleicht etwas festgefahrene ?) Sichtweise zu überdenken…   Alles Liebe ! Birgit Gruber
2008 - 2017 © Copyright - www.heilungsarbeit.at -  All Rights Reserved
Birgit Gruber, A-4652 Fischlham, Kirchenstraße 21   +43 (0) 676 56 17 150  
birgit-gruber@heilungsarbeit.at Gedanken Home Home Birgit Gruber Birgit Gruber Ausbildungen Ausbildungen Veranstaltungen Veranstaltungen Gedanken Gedanken www.heilungsarbeit.at